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Tollkirschen-Vergiftung.

Bericht von O. Geßner, Marburg, früher Dörentrup (Lippe).

Das 4jährige Kind Auguste R. aus Schw. Erkrankte am Abend des 22. Oktobers 1920, nachdem es nachmittags während der Felsarbeit der Eltern am Waldrand angeblich Brombeeren gepflückt hatte, plötzlich mit Fieber, starker Unruhe, wirrem Reden, Lachen und Schlaflosigkeit.

Als ich, damals praktischer Arzt in Dörentrup, in der Nacht (23. Oktober morgens 3 Uhr) gerufen wurde, bot sich folgendes Bild dar: Das Kind saß mit geröteten Gesicht aufrecht im Bett, der ganze Körper war in ständiger Bewegung, besonders mit dem Kopf und mit den Armen wurden teil unkoordinierte, teils stereotype Bewegungen, wie dauerndes Zupfen an der Bettdecke, ausgeführt. Die besonders im Gesicht und am Hals stark gerötete Haut fühlte sich heiß und trocken an, der Grad der zweifellos gesteigerten Körpertemperatur konnte wegen der Unruhe des Kindes nicht festgestellt werden. Die Augen erschienen glänzend, die Sehlöcher waren auf stärkste erweitert und veränderten sich nicht auf Lichteinfall und Nahesehen. Der Herzschlag war stark beschleunigt, die Herztöne laut, rein, der Puls hart, am Halse sichtbares Carotidenklopfen.

Den auf Grund dieser Symptome geäußerten Verdacht auf eine Tollkirschenvergiftung hielten die Eltern für unbegründet, da es Tollkirschen in dieser Gegend nicht gäbe (was ich zunächst nicht widerlegen konnte, da ich erst drei Wochen dort praktizierte), und weil sie das Kind den ganzen Nachmittag unter Aufsicht gehabt hätten. Die sichere Bestätigung, dass hier eine Belladonnavergiftung vorlag, erbrachte die durch Kitzeln mit einer Hühnerfeder im Halse erzeugte reichliche Entleerung des Magens, wobei die nur teilweise zerkleinerten, glänzenden, schwarzen Fruchthüllen der Tollkirsche festgestellt werden konnten; der ganze Mageninhalt war durch Fruchtsaft dunkel gefärbt; wieweit dabei Brombeeren mitbeteiligt waren, ließ sich nicht entscheiden; auch konnte die Zahl der aufgenommenen Tollkirschen nicht ermittelt werden: jedenfalls waren es mehr als eine Beere gewesen. Übrigens konnte ich am nächsten Tage an dem fraglichen Waldrand mehrere früchtetragende Belladonnapflanzen finden.

Behandlung: Vollständige Magenentleerung. Abführmittel (Calomel 0,05 + Ol. ricini 15,0); Morphin. hydrochloric. 4 mg subkutan; da die Unruhe nur wenig nachließ, gegen Morgen nochmals 4 mg Morphin. hydrochloric., diesmal als Stuhlzäpfchen, einige Stunden später Chloralhydrat 0,2 im Klysma, und weil der Puls etwas weich geworden war, Kampfer (Ol. camphor. forte 1 ccm) subkutan. Darauf trat ruhiger, nur ab und zu unterbrochener Schlaf ein. Am Abend des 23. Oktober war die Temperatursteigerung verschwunden, und der Herzschlag schon langsamer und die Unruhe trotz Abklingen der im Laufe des Tages nochmals wiederholten Chloralhydratgabe (wieder 0,2 mg per klysma) geringer geworden. Medikamente wurden von da ab nicht mehr verabreicht; in der Nacht vom 23. zum 24. Oktober war das Kind zwar noch etwas unruhig, aber die Erholung ging schnell vorwärts. Bis auf die Pupillenerweiterung, die noch etwa 8 Tage bestehen blieb, konnte das Kind zwar noch etwas unruhig, aber die Erholung ging schnell vorwärts. Bis auf die Pupillenerweiterung, die noch etwa 8 Tage bestehen blieb, konnte das Kind schon am 24. Oktober als geheilt angesehen werden.

Dieser, in seinem Verlauf nichts Besonderes bietende Fall von Tollkirschenvergiftung zeigt, dass der Nachweis der Tollkirschenreste im Mageninhalt, besonders nach Erbrechen, zur Bestätigung der klinischen Diagnose herangezogen werden kann, wenn noch nicht zu lange Zeit nach der Aufnahme der Früchte verstrichen ist, und dass dieser Nachweis besonders wertvoll ist, wenn man über das Vorkommen der Tollkirsche in einem bestimmten Gebiet nicht oder, wie im vorliegenden Fall, durch die Angehörigen des Kindes falsch unterrichtet war.

Quelle: Geßner, O.: Tollkirschen-Vergiftung Sammlung von Vergiftungsfällen, Band 1 (1930), A 55, S. 123 - 124

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Stand: 31. Oktober 2007

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